Bericht des Dithmarscher Landeszeitung vom 14.12.2011 aus Weddingstedt
von Inke Raabe
Es herrscht ein fröhliches Geschnatter unter den 14
Teilnehmerinnen des Frauenkreises im Kaminzimmer des Gemeindehauses. Der Tisch
ist festlich gedeckt, irgendwer hat liebevoll Weihnachtsbäume aus rotem Filz
ausgeschnitten und raffinierte adventliche Serviettenhalter gebastelt. Die
Kerzen auf den Gestecken sind angezündet.
Pastorin Annegret Thom hält eine Andacht. Dabei geht es um
das heilige Paar und seine unruhigen Tage auf dem Weg nach Bethlehem. Emma
Mania hat Geburtstag gehabt, sie darf das Lied aussuchen. „O du fröhliche“,
wählt sie, und mit dem letzten „freue dich, o Christenheit“ kommt, von allen
laut bejubelt, die Frauenkreis-Älteste Elfriede Jürgens angeschneit, völlig
außer Atem ist die 91-Jährige. „Wisst ihr, wer mich gefahren hat?“, fragt sie in
die Runde. „Der Doktor!“, der zugleich Ursache für die Verspätung war, der hat
die alte Dame hergebracht.
Gut, dass sie da ist, die Frau Jürgens, sie kann erzählen,
wie das war, als vor 65 Jahren der Frauenkreis entstand. „Ich bin dabei
gewesen, als damals die Care-Pakete ankamen“, erzählt sie. Es war das Jahr
1946, die Not im Land war groß. Unzählige litten Hunger, es gab kaum etwas in
den Läden, viele hatten durch die Vertreibung alles verloren. Die Armut war so
erschütternd, dass die Weltöffentlichkeit darauf aufmerksam wurde und
Hilfspakete in das kriegsgebeutelte Land schickte. Der damalige Pastor Cornils
stand vor der schweren Aufgabe, die Lieferungen zu verteilen. Und so kam es,
erzählt Elfriede Jürgens, dass er aus jedem Dorf zwei Frauen bat, ihm dabei zu
helfen – die Frauenhilfe war geboren, aus der einige Jahre später der
Frauenkreis wurde.
„Bei uns ist nie etwas angekommen“, sagt eine Frau aus der
Runde. Sie war eines von sechs Kindern, die die Mutter allein großziehen
musste, weil der Vater von der Front noch nicht wieder heimgekehrt war. „Das
war nicht immer leicht zu entscheiden“, erinnert sich Elfriede Jürgens. „Da war
eine, die besaß nicht mehr als das, was sie am Leibe trug.“ Manchmal habe man
sogar den Bürgermeister mit am Tisch gehabt, wenn die Pakete geöffnet wurden über
ihre Verwendung entschieden wurde. Sie enthielten Schuhe und Kleidung, Kaffee
und Mehl und manchmal etwas Schokolade für die Kinder. „Das Milchpulver war so
lecker“, erinnert sich Uschi Martens, die damals noch Kind war und heute
gemeinsam mit Christel Heymann den Kreis leitet.
„In einem Paket aus Afrika war Stoff“, erzählt Elfriede
Jürgens. Es muss eine Menge Stoff gewesen sein. Der Bürgermeister selbst machte
sich auf den Weg zum Schneider Stein, der sollte entscheiden, für wie viele
Kindermäntel das wohl reichen könnte. Am Ende spendete der seine Arbeitszeit
und nähte eigenhändig, denn die Konfirmationen standen vor der Tür. Und für
diesen Tag und für das Berufsleben, das damit für viele anbrach, brauchten die
Kinder etwas Ordentliches zum Anziehen.
Lebendig ist das Gespräch in der Runde, und anschaulich. Als
wäre es noch gar nicht so lange her. Aus
der Frauenhilfe ist ein evangelischer Frauenkreis geworden, sie treffen sich
einmal im Monat und haben dann viel zu erzählen. Die Andacht gehört dazu, der
Segen am Schluss auch. Aber konstitutiv, und das schon seit vielen Jahren,
steht am Schluss das Lied „Kein schöner Land in dieser Zeit.“ Da geht es um
Heimat, um Gemeinschaft und um den, der „im hohen Himmel“ über alle wacht. Und
dieses Lied, so alt und so schlicht es ist, passt zu der Runde fröhlicher
Frauen, die offen sind für Neue, und in diesem Sinne sogar zum Advent.